Der ungestalte Engel

Buch · 199 Wörter · The Ugly Angel

Vor langer Zeit lebte am Rande eines Dorfes eine Witwe. Ihr Mann war in den Krieg gezogen und nie zurückgekehrt und der Kummer hatte sie zerfressen.

Eines Frühlings fand sie am Waldrand ein Kind, gehörnt, mit rauer Haut, sein Gesicht mehr Ziege als Mensch. Die Dorfbewohner schrien, man solle es ertränken, ehe Unheil folgen würde.

Doch die Witwe floh in den Wald und hielt das Wesen fest in ihren Armen.

Jahre vergingen. Eines Tages wanderte der Dorfälteste tief zwischen den Bäumen und entdeckte eine Lichtung: ein schiefes Haus, ein kleiner Garten. Die Witwe lebte noch, älter, aber ungebeugt. An ihrer Seite stand das Kind, nun groß und monströs. Dreimal so groß wie die arme Frau, doch von sanftem Wesen.

Die Witwe erschrak, als sie ihn erblickte. Sie stellte sich vor ihr Kind und sprach: „Lasst uns in Frieden, ich flehe euch an. All die Jahre haben wir uns von euch ferngehalten. Und so soll es bleiben.“

Obwohl ihr Gesicht von Falten gezeichnet war, strahlten ihre Augen mehr denn je. Leben war in sie zurückgekehrt, Friede, vielleicht sogar Glück.

Der Älteste nickte und wandte sich ab. Er hatte nichts gesehen, er würde nichts sagen.

Manches ist besser im Schweigen bewahrt.

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