Kapitel
Wandelnde Festung, Teil 1
„Viele, die schon einmal in echte Kämpfe verstrickt gewesen sind, werden dir sagen, dass es das Beste ist, schnell und entschieden anzugreifen. Das ist auch richtig, doch aus Erfahrung weiß ich auch, dass oft zu wenig an der perfekten Verteidigung gearbeitet wird. Ein Gefecht wird nämlich nicht beim ersten Angriff entschieden. Meistens artet es eher zu einem Abnutzungskrieg aus. Anders gesagt: Wer am längsten durchhält, bleibt am Leben, bis alles vorbei ist. Und du, mein Freund, hast das Glück, genau das lernen zu können, wenn du nur ein paar Grundregeln befolgst.“
Wandelnde Festung, Teil 2
„Zunächst einmal musst du dir deiner Umgebung bewusst sein. Lerne, Dinge aus dem Augenwinkel wahrzunehmen. Zu jeder Zeit solltest du wissen, wo genau deine Gegner und auch deine Verbündeten stehen. Es sind schon gute Krieger gefallen, weil ihnen die eigenen Freunde unvermittelt zum Hindernis wurden.
Ich bin einmal von drei Tataren gleichzeitig angegriffen worden. Unser Kampf führte uns weg von der Hauptschlacht und wir fanden uns, Hiebe austauschend, auf offenem Feld wieder. Ich dachte schon, mein letztes Stündlein hätte geschlagen, als ich in der Nähe einen einzelnen Baum bemerkte. Schnell bewegte ich mich zu ihm, damit er mir Rückendeckung geben konnte. Die Tataren versuchten, mich zu umzingeln. Aber ich konnte mich zumindest so lange verteidigen, bis einige meiner Kameraden meine missliche Lage bemerkten und mir zur Hilfe kamen.“
Wandelnde Festung, Teil 3
„Das zweite wichtige Prinzip der Selbstverteidigung ist das Vorausahnen. Wenn du weißt, was dein Gegner zu tun im Begriff steht, stehen deine Chancen bedeutend besser, dieses zu verhindern. Wenn es hart auf hart kommt, rettet es dich, Muster in den gegnerischen Angriffen erkennen zu können. Aber noch viel wichtiger ist das Vorausahnen, weil es verhindert, dass es überhaupt dazu kommen muss.
Einmal, als ich noch als Leibwächter eines italienischen Herzogs diente, dessen Namen ich hier nicht verraten werde, musste ich ihn durch die engen Gassen Venedigs eskortieren. Der Herzog wurde damals von Söldnern eines politischen Rivalen verfolgt. Sie wussten genau, wo wir uns zu jeder beliebigen Tageszeit aufhielten. Es war klar, dass die engen Gassen ideal waren, um uns eine Falle zu stellen. Deshalb stellte ich sicher, dass ich und die anderen Leibwächter des Herzogs große Schilde trugen. Wie einst die römischen Legionäre liefen wir in Schildkrötenformation. Wir waren ein wandelnder Panzer mit dem Herzog sicher in unserer Mitte. Langsam – aber sicher – überstanden wir den Tag, ohne dass je eine Klinge oder ein Pfeil den Herzog trafen.“
Wandelnde Festung, Teil 4
„Und schließlich muss man sich immer vor Augen halten, dass die Verteidigung im Kampf vor allem dazu dient, eine perfekte Angriffsmöglichkeit zu schaffen. Du überlebst vielleicht lange, parierst und wehrst die Schläge ab, die auf dich niedergehen. Aber im Zweifel ist schon ein einziger Fehler dein Tod.
Deshalb musst du zuschlagen, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Gehe kein unnötiges Risiko ein, aber zögere auch nicht. Werde zur wandelnden Festung, wenn du musst. Und töte jeden, der danach trachtet, deine Verteidigung zu durchbrechen, sobald seine Entschlossenheit auch nur den Bruchteil eines Augenblicks ins Wanken gerät.“