Talaith und die böse Hexe
Niemand in ganz Tir ná Lia wusste, wie man Talaith helfen konnte, den bösen Zauber zu brechen, der auf ihrem Bruder lag. Ihr Urteilsvermögen war bald von überwältigender Verzweiflung getrübt, und sie suchte eine alte Hexe auf. Vergessen waren die Warnungen der Wissenden, dass das Herz der Alten pechschwarz und faul wie Aas sei, in dem die Maden wimmeln.
Die Alte lebte in einer Höhle in der Einöde, umgeben von giftigen Dämpfen, Vipern und Kröten. Dorthin ging Talaith, obwohl ihr reines Herz flehte, sie möge umkehren. Als sie sich der Höhle näherte, vernahm sie einen so schlimmen Gestank, dass sie beinahe ohnmächtig wurde. Sie kannte ihn nicht, denn sie war noch niemals einem Menschen begegnet. Doch überwand sie ihren Ekel, indem sie an ihre tapfere Mutter dachte, und bat die Hexe um Hilfe.
"Und was bekomme ich zum Ausgleich von dir, meine liebe Elfin?", kreischte die Alte.
"Was immer du forderst."
"Gib mir deine Stimme, liebe Elfin, dann breche ich Leods Fluch."
Talaith dachte an die Wiegenlieder, die sie ihrem kleinen Bruder gesungen hatte, und begann zu weinen, aber dennoch gab sie der Hexe ihre schöne Stimme. Die Alte krallte mit ihren krummen Klauen danach wie nach einem kleinen Silberfisch und warf sie ihrer Katze vor.
"Und jetzt gib mir dein Haar, liebe Elfin! Nur dann breche ich den Fluch deines Bruders."
Talaith schluchzte, doch war einverstanden, und die Hexe wob ein dickes Netz aus dem Haar und hängte es zwischen die Bäume, um Vögel zu fangen.
"Nun gib mir deine Augen, liebe Elfin, sonst breche ich Leods Fluch niemals."
Talaith liebte ihren Bruder sehr und gab der Hexe daher ihre grünen Augen. Die Alte nähte sie sich ans schmutzige Kleid wie kostbare Ziersteine. Und sie begann zu lachen. Da erst wurde Talaith klar, dass die Hexe Leods Fluch niemals brechen würde und all ihre Opfer umsonst gewesen waren. Doch weinen konnte sie nicht mehr. Oh, wie sie nun bereute, nicht auf die Wissenden gehört zu haben, die doch so viel von der Bosheit der Menschen berichtet hatten!
Talaith war wie gelähmt vor Reue, doch ihr reines Herz schlug noch. Als sich die Alte über ihr Zauberbuch beugte, lasen Talaiths grüne Augen mit, und so erfuhr die Elfin, dass es die Hexe gewesen war, die den Bruder verflucht hatte. Außerdem erfuhr sie, wie man den Fluch brechen konnte. Da fing sie fette Rotkehlchen mit dem Netz, das die Hexe aus ihrem Haar geknüpft hatte, und fütterte die Katze der Alten damit. Die Katze schnurrte vor Freude und folgte Talaith nach Tir ná Lia. Dort erzählte sie den Wissenden die Geschichte von Talaiths gestohlener Stimme, und die Wissenden erkannten, dass dies die Wahrheit war.
Die auf Leod und Talaith ruhenden bösen Zauber wurden gebrochen, und die böse Hexe wurde ausgeweidet und gevierteilt.