Anna Henrietta

Anna Henrietta

Blood and Wine

Aus dem Journal

Wenn diese Welt je einen Herrscher gekannt hat, dem die absolute Bewunderung seiner Untertanen ohne systematische Unterdrückung oder grausame Henker sicher war, so war es die Regentin von Toussaint: Herzogin Anna Henrietta. Von ihren Lieben wurde sie Anarietta genannt. Sie war die Witwe des vielbetrauerten Herzogs Raymund und die einstige Geliebte eines so hochberühmten wie begnadeten Künstlers, der es vorzieht, anonym zu bleiben.

Vor einigen Jahren, als der Hexer mit einigen Freunden Toussaint besuchte, lernten er und Anna Henrietta einander kennen. Als später das mysteriöse Biest seine Überfälle auf Höflinge begann, wusste die Herzogin, wen sie zur Hilfe rufen konnte ...

Auf der Suche nach dem Biest bewies die Herzogin, dass sie die Ketten der Konvention nach Bedarf abwerfen und sich gemeinsam mit dem Hexer die Hände schmutzig machen konnte. Auch wenn sie dabei zu einer gewissen Maskerade greifen musste.

Erstaunlicherweise erwies sich die Herzogin bei der strapaziösen Spurensuche als genauso geschickt wie bei Audienzen im Palast. Geralt erkannte schnell, dass Anna Henrietta keine hochherrschaftlichen Gewänder benötigte, um eine selbstsichere, starke Herrscherin zu sein. Weniger überraschen mag es, dass auch am Hofe von Toussaint tägliche Schlachten gefochten wurden - mit schneidenden Bemerkungen, boshaften Halbwahrheiten und glatten Lügen und um kein Stück weniger ernst als solche, die mit Schwertern und Kanonen geschlagen werden. Die Herzogin war unangefochtene Meisterin der höfischen Kriegsführung, und der Hexer bekam die Gelegenheit, sich ihre Erfahrungen zunutze zu machen.

Wenn Geralt die Geschichten über den stählernen Zorn der allergnädigsten Herrin für übertrieben gehalten hatte, wurde er darin alsbald eines Besseren belehrt. Als Anna Henrietta erfuhr, dass der Vampir nicht nur entkommen war, sondern auch das Leben ihrer Schwester bedroht hatte, geriet sie in einen Zorn, der alle Diskussionen überflüssig machte. Sie stellte die Dinge klar: Geralt hatte seinen Auftrag zu erfüllen und ihr Dettlaffs Kopf auf einem Silbertablett zu präsentieren.

Zum Glück brannte der Zorn der Herzogin zwar intensiv, verflog aber auch schnell wieder. Als es Geralt gelang, Dettlaff aufzuhalten, vergaß die Herrin seine bisherigen Fehltritte und verlieh ihm sogar den Orden von Vitis Vinifera, der zu Toussaints höchsten Auszeichnungen gehört.

Genau jenes Mitgefühl und jene aufrechte Art, die Anna Henrietta die Liebe ihrer Untertanen eingetragen hatte, erwies sich nun als ihr Untergang, als sie von Hand ihrer eigenen Schwester ermordet wurde. Seit diesem tragischen Tag begeht Toussaint jährlich einmal eine Gedächtniswoche. An diesen sieben Tagen versinkt das Herzogtum in Trauer. Es wird keine Musik gespielt, die Lichter werden abgeblendet, die Leute hängen ihre Häuser mit dunklen Tüchern aus. Angeblich machen es alle Anhänger der Herzogin so, auch solche, die hoch im Norden leben ...

Es war unschwer vorauszusehen, wie Geralts Zeit in Anna Henriettas Gesellschaft enden würde. Nicht lange, und Geralt fiel auf die für Hexer typische unelegante Art bei der Herzogin in Ungnade. Wer hätte auch ahnen können, dass es ihm übel genommen werden würde, die Schwester der Herzogin einem Vampir zu überantworten? Geralt jedenfalls nicht, wie es scheint. Angesichts des feurigen Charakters der allergnädigsten Herrin konnte er sich glücklich schätzen, dass er nicht direkt einen Kopf kürzer gemacht wurde.